JTCLASSBLU 15
Marieluise-Fleißer-Preis für Franz Xaver Kroetz Drucken
Freitag, den 30. November 2007 um 19:40 Uhr

Der Dramatiker der Jetztzeit

Franz Xaver Kroetz mit dem Marieluise-Fleißer-Preis ausgezeichnet

Ingolstadt (DK) Es ist auch ihr Applaus. Als sich Franz Xaver Kroetz nach der Lesung der Fleißer-Erzählung „Hölderlin in einer Berliner Kneipe“ unter dem aufbrandenden Beifall verbeugt, reckt er den Erzählband in die Höhe. Ganz so, wie die Ingolstädter Autorin (1901–1974) es einst formulierte: „Franz Xaver Kroetz hat einen schönen Zug: Er kann auch an andere denken.“

Denn Kroetz brachte den Stein ins Rollen, Fleißers gesammelte Werke zu veröffentlichen. Auch für dieses Engagement und nicht nur für sein künstlerisches Gesamtwerk wurde der Dramatiker, Regisseur und Schauspieler („Kir Royal“) gestern im Foyer des Theaters mit dem Marieluise- Fleißer-Preis ausgezeichnet, der 1981 erstmals gestiftet wurde, mittlerweile mit 10 000 Euro dotiert ist und heuer zum zehnten Mal verliehen wurde.

Erstaunlich viele Besucher zog der Festakt an, unter ihnen nicht nur die Familienangehörigen von Marieluise Fleißer und zahlreiche Politiker von der kommunalen bis zur Bundestagsebene, sondern auch DK-Herausgeberin Elin Reissmüller, Intendant Peter Rein und sein Vorgänger Wolfram Krempel sowie der Vorsitzende der Fleißer-Gesellschaft, Friedrich Kraft: Man konnte OB Alfred Lehmann die Freude über diesen Andrang förmlich ansehen. Besonders herzlich begrüßte er den Preisträger, der mit seiner Tochter Josefine aus München angereist war. „Ich kann’s noch gar nicht glauben, dass Sie hier sind.“

Die Laudatio hielt Hans-Joachim Ruckhäberle, Chefdramaturg am Bayerischen Staatsschauspiel München, der zu Ingolstadt einen ganz besonderen Bezug hat: „Ich habe einen Teil meiner Jugend in der Hallertau verbracht. Und das erste Theaterabomeines Lebens hatte ich 1969/70 am Theater Ingolstadt.“ Ruckhäberle ist nicht nur ein  profunder Kenner des mehr als 65 Stücke umfassenden Werks von Franz Xaver Kroetz, sondern kann auch sehr gescheit und gewitzt darüber sprechen. „Er wird es schwer haben“, hatte Marieluise Fleißer dem jungen Kroetz, dem „liebsten“ ihrer „Söhne“, prophezeit. „Die Ehrlichkeit hat es nämlich schwer, sie zehrt die Substanz auf.“ Ehrlichkeit, Einfachheit, Tiefe: Auf diese zentralen Begriffe des Fleißer-Zitats klopfte Ruckhäberle das Werk Kroetz’ ab, den er auch den „Dramatiker der Jetztzeit“ nannte, und belegte seine Analysen stets mit eingängigen Beispielen.

Er sprach über Kroetz’ Themen, die Präzision der Sprache und die Bedeutung der Form, zitierte Alfred Hrdlicka und Jeff Wall, zeigte verblüffende Parallelen zwischen Beckett und Kroetz auf. Und konnte sich auch einen kleinen Seitenhieb auf Brecht nicht verkneifen: „Die Dichtung des Franz Xaver Kroetz ist wie die der Fleißer riskanter als die Brechts. Sie ist wahrhaft die Poesie des Sozialen“, erklärte Ruckhäberle und fuhr fort: „Kroetz hat mir 2005 ein Stück geschickt, dazu zwei Sätze: ,Dieses beigefügte Stück möchte ich machen. Es ist schrecklich, das ist das Schöne daran.‘“

2006 wurden „Tänzerinnen“ und „Drücker“ unter der Regie des Autors am Staatsschauspiel uraufgeführt. Ruckhäberle: „Sie sind nicht nur schrecklich, sondern poetisch, also schreckliche Dichtung oder Dichtung des Schrecklichen.“ Der Geehrte begnügte sich mit einem schlichten „Danke“: „Der Preis hat mich sehr, sehr gefreut. Ingolstadt ist eine tolle Stadt.“ Franz Xaver Kroetz ließ lieber Marieluise Fleißer selbst mit ihrer kurzen Erzählung zu Wort kommen, bevor die Musici Bavarese schwungvoll und gut gelaunt zum Stehempfang baten. Ein schöner Festakt –und ein Preisträger, der auch die Stadt schmückt.

(Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Donaukurier)