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Uraufführung von "Lebenmüssen ist eine einzige Blamage". Drucken
Donnerstag, den 03. Oktober 2013 um 20:19 Uhr

"Ein kühner, wilder, großspuriger, bildgewaltiger Abend, auf dem Fleißer draufsteht, aber vor allem Kresnik drinsteckt" schreibt Anja Witzke (Donaukurier  vom 07.10.) in ihrer Kritik des Fleißer-Stücks von Christoph Klimke "Lebenmüssen ist eine einzige Blamage", das am 5. Oktober im Großen Haus des Stadttheaters Ingolstadt uraufgeführt wurde. Inszeniert hat der Regisseur, Tänzer und Schauspieler Joahnn Kresnik.

Kritiken zur Uraufführung und weitere Auffführungstermine finden Sie hier auf der Website des Stadttheaters.

 

Pressestimmen:

>> Donaukurier.de vom 02.10.2013 - Kämpferin auf verlorenem Posten

Ingolstadt (DK) Am Anfang stand die gemeinsame Leidenschaft für Pasolini: Johann Kresnik hatte ein Stück über den homosexuellen italienischen Filmregisseur, Dichter und Publizisten gemacht, der unter mysteriösen Umständen ermordet wurde...

>> Donaukurier.de vom 06.10.2013 - Der übermächtige Brecht

Ingolstadt (DK) Pflastersteine knallen wie Todesschüsse. Messer ritzt Metall. Blut fließt. Eiter spritzt. Eine Axt zertrümmert Brecht-Büsten. Eine Frau sitzt im Glaskasten und schreibt mit roter Farbe „Grob ist die Liebe“ auf die Scheibe...

 

Friedrich Kraft in der Augsburger Allgemeine

Brecht kommt ganz schlecht weg

 

Zwei Versuche schon hat es gegeben, die bewegende Biographie der bedeutenden Ingolstädter Autorin Marieluise Fleißer (1901-1974) auf die Bühne zu bringen. 2001 zum hundertsten Geburtstag wurden als Auftragsarbeiten vor Ort realisiert „Marieluise“ von Kerstin Specht und „Atzenköfls Töchter“ von Kerstin Hensel. Beide Texte zeichneten sich durch literarische Behutsamkeit aus. Ganz anders nun die am Stadttheater Ingolstadt uraufgeführte Produktion von Christoph Klimke (Autor) und Johann Kresnik (Regie): ein Mordsspektakel mit starken Bildern und viel nacktem Fleisch. Der Titel „Leben müssen ist eine einzige Blamage“ ist einem Fleißer-Essay über Buster Keaton entnommen.

 

Die Vorlage des in Berlin ansässigen Schriftstellers reiht in elf Szenen mehr oder minder frei und in Zeitsprüngen biographische Stationen auf, verwendet weitgehend Fleißer-Text (der freilich nicht immer kenntlich wird). Der Schwerpunkt liegt erwartungsgemäß auf den Männerbeziehungen, vor allem zu Brecht und Hellmut Draws-Tychsen, dem neurotischen, egozentrischen Schriftsteller, mit dem sich die junge Frau rätselhafterweise einließ, viele Erniedrigungen in Kauf nehmend.

 

Ganz schlecht weg kommt der Augsburger Großmeister, da folgt das Stück einem überholten Klischee und ignoriert, dass Brecht die Fleißer entscheidend gefördert, ihren ersten Stücken „Fegefeuer in Ingolstadt“ und „Pioniere in Ingolstadt“ in den zwanziger Jahren zur Aufführung verholfen hat. Als er nach dem Krieg in Berlin am Schiffbauerdamm sein Theater gefunden hatte, lud er sie ein, zu ihm zu kommen. Sie traute sich nicht, verwurzelt in ihrer Heimatstadt - ein Aspekt, der wiederum nur klischeehaft behandelt wird. Blödsinnig, wenn in der letzten Szene noch Pflastersteine durchs Fenster fliegen. Die bemerkenswerte Persönlichkeit des Fleißer-Gefährten und späteren Ehemanns Haindl, „Meisterschwimmer“ und Tabakwarenhändler, der immer zur umstrittenen Schriftstellerin gehalten hat, trotz ihrer wechselhaften Beziehungen, degeneriert zum Trottel. Positiv aber: Die Fleißer wird nicht mehr nur als Opfer dargestellt wie so häufig in der Sekundärliteratur, sondern als die Frau, die sie war: selbstbewusst und stark.

 

Altmeister Johann Kresnik, renommierter Choreograph und Regisseur, hat Klimkes Entwurf kräftig aufgemotzt. Er lässt die Schauspieler exaltiert agieren, strapaziert die theatralischen Mittel über die Maßen, setzt auf Provokationen, die nicht mehr verfangen. Dass Schauspieler ihre männliche  Blöße zeigen, dass Roelle, der spintisierende Knabe aus „Fegefeuer“, nun ein alter Mann, sich vor aller Augen kastriert und den blutigen Penis auf die Bühne wirft, rührt das Premierenpublikum kaum. Auch nicht, wie die Fleißer dem Draws-Tychsen in der Unterhose fummelt. Richtig klamottig gerät eine Brecht-Persiflage: Hinter dem Meister stolzieren in Reih und Glied sechs bestrapste Tippsen wie Revue-Girls - mit Schreibmaschinen vor dem Bauch.

 

Buntes Treiben also, viel Kunstfertigkeit, wenige stille Momente, gerne auch Symbolik: Im Foyer laufen die Zuschauer über Fleißer-Porträts, treten die Dichterin quasi mit Füßen. Der Bühnenraum ist ausgekleidet mit zahlreichen großformatigen Fotos von Brecht. Die Fleißer reißt sie nacheinander herunter – dahinter erscheint ihr eigenes Bild. Und weil Brecht der ganz Böse ist, wird ein Dutzend seiner Gipsköpfe zertrümmert. Neun Schauspielerinnen und Schauspieler in Mehrfachrollen gehen höchst engagiert zu Werke, die Fleißer hat Doubles, die zentrale Rolle ist mit Bettina Storm exzellent besetzt. Nach 80 Minuten lang anhaltender Beifall.