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„Der starke Stamm“ in Braunschweig“ Drucken
Montag, den 28. November 2011 um 20:05 Uhr

Marieluise Fleißers Schauspiel, uraufgeführt 1950 in München, hatte zu Spielzeitbeginn im Kleinen Haus des Staatstheaters Braunschweig Premiere. Ein Auszug aus der Kritik von Martin Jasper in der „Braunschweiger Zeitung“ vom 27.9.11:

…Sagen wir so: Superstark ist es nicht. Dazu sind die meisten Figuren zu holzschnittartig, dazu ist der kalt berechnende dörfliche Dumpfsinn etwas zu plakativ, die Erbschleicherei zu penetrant.

Aber es ist immer noch besser als das Meiste, was die deutsche Gegenwartsdramatik hervorbringt. Und es hat diese Balbina. Eine Frau, die mit Unternehmungen wie Geldspielautomaten, Wallfahrten und Pornobildchen Schiffbruch erleidet und trotz Pleite und Knast am Ende ihr Kleid hochrafft, das Moped besteigt und weiterwurstelt. Hören wir ihr einen Moment zu:

„Und es ist doch so, dass du die Tür aufreißen möchts und soviel Verlangen hast in dir drin, dass dir Flügel herauswachsen müssten aus dem, was die anderen anschauen für deinen Buckel, wenn eins nur Augen dafür hätt und hätt an dich noch einen Glauben. Aber das gibts ja net auf der beschissenen Welt. Was dich beißt, sind nicht deine Flügel, wo herausstoßen mit aller Gewalt, das bleibt ewig dein Buckel.“

Das ist groß. Das ist die ganze Menschheit, eingesperrt in eine unglückselige bayerische Krämerseele.

In solch poetisch-derbem Volkston ist die Fleißer gut. Und darin lässt ihr Julia Hölscher in ihrer spröden, mitunter etwas statuarischen Inszenierung Raum. Sie wuchtet die Menschen unverbunden wie Blöcke auf die Bühne - und lässt sie reden...

Im kahlen Geviert müssen sie sich durch einen morastigen Boden ackern, was ihnen etwas Ungelenkes und Schwerfälliges gibt. Sie spekulieren, kämpfen, reiten sich ins Unglück, fangen neu an, scheitern wieder. Irgendwann wird sie der Morast verschluckt haben. Nichts bleibt…

Und dann ist da Martina Struppek als Balbina. Verhärmt, zugleich naiv und verschlagen, zugleich verbittert und unverwüstlich. Und manchmal mit einem leisen, wehen Singsang in der Stimme, wenn die Flügel vergeblich versuchen, aus ihrer morastigen Erdenschwere zu wachsen. Stark.